Im Ukraine-Krieg werden Kommandeure im Gefecht oft von höheren Offizieren übergangen. Das kritisierte jetzt der ukrainische Stabsunteroffizier Witalij Tomtschyschak. „Es spielt keine Rolle, wer man ist – ein Unteroffizier, ein Offizier, irgendjemand -, man muss gehört werden“, sagte der 27-jährige Softwareentwickler.
Höhere Offiziere würden die genaue Lage nicht immer verstehen. Würden Führungskräfte, die direkt an der Front tätig sind, gestärkt und weitreichende Entscheidungen eigenständig treffen dürfen, könnte Russland auf dem Schlachtfeld auch besiegt werden, ist der Unteroffizier überzeugt. Tomtschyschak gehört zu einer neuen Generation, mit der die ukrainische Armee mitten im Krieg ihre Führungskultur grundlegend ändern will. Er ist einer von 103 Gruppenführerinnen und Gruppenführern, die das ukrainische Militär im Sommer von der Front abzog, um sie in einem dreimonatigen Kurs fortzubilden. Die starre, zentralistisch gesteuerte Befehlsstruktur aus der Sowjetzeit soll abgebaut und mehr Eigeninitiative der Soldatinnen und Soldaten gefördert werden.
Trotz zahlreicher Innovationen stand das ukrainische Militär in der Vergangenheit wegen hoher Todesopfer und eines schlechten Umgangs mit Streitkräften in der Kritik. Dies gilt als Grund, warum sich viele Männer dem Wehrdienst entziehen.
„Können uns keine Behandlung wie Russland leisten“
Auf dem neuen Oberbefehlshaber, dem 43-jährigen General Mychajlo Drapatyj, ruhen nun große Erwartungen. Er soll das Leben der Soldatinnen und Soldaten in den Vordergrund stellen. Die Ukraine hat Schwierigkeiten, neue Truppen für die Front zu rekrutieren. Der Schwerpunkt liegt auf der Schonung der eigenen Kräfte. Das stehe in starkem Kontrast zu den russischen Infanterieangriffen, die mit extrem hohen Verlusten einhergingen, sagte der 23-jährige Unteroffizier Artem Tschucharew von den Territorialverteidigungskräften. „Wir können es uns schlicht nicht leisten, sie so zu behandeln, wie es unser jahrhundertealter Feind tut“, befand er. Der Kurs ermutige die Kommandeure, fundierte Entscheidungen zu treffen.
In dem Programm, das an einer Universität in Kiew angeboten wird, wurden seit Kriegsbeginn mehr als 1200 Offizierinnen und Offiziere ausgebildet. Nicht alle bestehen den Kurs. Aktuell würde Eigeninitiative aber besonders bei Unteroffizierinnen und Unteroffizieren oft noch bestraft, sagte Stabsunteroffizier Tomtschyschak. Der vergangene Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj (61) war dafür kritisiert worden, hohe Verluste hinzunehmen und die Frontlinie bis ins Detail von oben zu steuern. Künftig soll eine Führungskultur nach NATO-Vorbild errichtet werden.