Putins Krieg erreicht Russen:„Anfang der Hölle!“
Die ukrainische Bombardierung des russischen Energiesektors hat eine enorme Schockwelle durch das ganze Land gedrückt. Die dadurch entstehende Treibstoffkrise erreicht mittlerweile Sibirien. In Kiew spricht die militärische Führung breitbeinig vom „Anfang der Hölle“.
Von der Krim über Zentralrussland bis nach Sibirien: Machthaber Wladimir Putin kann den Krieg vor seinen Bürgern nicht mehr verstecken. Enorme Rauchsäulen verdunkeln den Himmel in Russland mittlerweile täglich und schwarzer Regen legt sich als ätzender Film über das russische Selbstverständnis – wie zuletzt in der Hauptstadt Moskau.
Die Gefahr aus der Luft ist omnipräsent. Kiew trifft mittlerweile Ziele, die mehr als 2000 Kilometer von der Frontlinie in der Ukraine entfernt liegen.
Der Krieg wird jetzt spürbar
Das sorgt landesweit für enorme Treibstoffknappheit. Bilder von kilometerlangen Schlangen vor Tankstellen gehen um die Welt. Selbst in Sibirien werden Diesel und Benzin mittlerweile rationiert, berichtet etwa die Nachrichtenagentur Reuters.
In der sibirischen Region Omsk ist die Abgabe von Benzin auf 40 Liter pro Auto begrenzt, teilte Gouverneur Witalij Chozenko mit. Diesel wird je nach Standort auf 80 bis 200 Liter limitiert, das Abfüllen in Kanister ist verboten. Die Angst vor Panikkäufen ist zu groß. Auch die Nachbarregion Nowosibirsk bereitet ähnliche Schritte vor. Selbst der zweitgrößte russische Ölkonzern Lukoil rationiert seit Dienstag den Verkauf in der Region Woronesch.
Krim wird aktuell schwer getroffen
Besonders hart trifft es die von Russland annektierte Halbinsel Krim. Dort wurden bereits Ferienlager geschlossen und der für die Region wichtige Tourismus soll bis September eingestellt werden. Russen wurden zudem dazu aufgerufen, die Region zu verlassen. Kinder erhielten ein Reiseverbot. Viele Russen-Touristen sitzen jedoch fest, da Fähren und Züge teilweise zerstört oder überlastet sind.
Benzin der Marke AI-95 – entspricht Super in Europa – werde auf der Krim vorrangig an öffentliche und soziale Verkehrsmittel abgegeben, teilte der von Moskau eingesetzte Gouverneur Sergej Aksjonow jüngst auf Telegram mit. Normale Bürger könnten den Treibstoff nur mit Bezugsschein tanken – dann ohne Mengenbegrenzung. Für die Marke AI-92 (Normal) gelte wiederum eine Obergrenze von 20 Litern.
„Das Tanken in Kanister ist verboten“, schrieb Aksjonow zudem. Seinen Angaben nach gelten die Beschränkungen zunächst für einen Zeitraum von 30 Tagen. Im Internet kursierten zahlreiche Videos von langen Schlangen vor den Tankstellen auf der Krim. Weite Teile der Halbinsel sollen nach den jüngsten Schlägen zudem ohne Strom sein.
Laut Oberst Markus Reisner hat Kiew sein größtes Problem gelöst: die Skalierung der Produktion. Zuletzt hatte Kiew mit Drohnenangriffen teils tief im russischen Hinterland Engpässe beim Treibstoff erzeugt. Dennoch verschlechtert sich die Lage im Gebiet Donezk weiter und die Industriestadt Kostjantyniwka droht zu fallen.
Seit Beginn von Putins Überfall gegen die Ukraine dient die annektierte Krim als Versorgungsbasis für die im Süden der Ukraine angreifenden russischen Truppen. Daher ist die Halbinsel vermehrt ins Visier ukrainischer Drohnen- und Raketenangriffe gerückt. Gerade Ölanlagen geraten zunehmend unter Beschuss. So brennt die Raffinerie in der Stadt Feodossija seit zwei Tagen.
Ukraine forciert „logistischen Lockdown“
Kiews Ziel ist es, die Versorgung der Besatzungstruppen zu erschweren. Die Ukraine selbst spricht von einem „logistischen Lockdown“. Täglich starten Schwärme von 300, 500 oder mehr Drohnen, um russische Nachschubwege zu kappen. Im Visier: Treibstoffkonvois, Militärfahrzeuge und die strategisch wichtige Kertsch-Brücke.
Ein weiteres Ziel der Angriffe ist, eine lebenswichtige Einnahmequelle für Moskaus Kriegswirtschaft stark zu verwunden. Der Kreml reagierte bereits mit einem Ausfuhrverbot für Flugtreibstoff bis November und schränkte den Export von Benzin stark ein.
Doch woher stammt diese neue Fähigkeit der Ukraine, in so großem Maßstab zu operieren? Oberst Reisner erklärte gegenüber dem Sender ntv: „Die Ukraine bekommt im Moment massive Unterstützung der amerikanischen Big-Tech-Unternehmen.“ Ex-Google-Chef Eric Schmidt und Alex Karp von der Datenanalyse-Firma Palantir sollen eine Rolle spielen.
„Tech-Bros“ unterstützen die Ukraine
Deren KI-Programme wie „Maven“ und „Prisma“ helfen bei der Zielerfassung. Schmidt soll hinter der Entwicklung der neuen, spottbilligen „Hornet“-Drohne stehen, die nur rund 5000 Dollar kostet und KI-gesteuert Ziele selbstständig anfliegen kann. Für Reisner ist dies die „Handschrift der sogenannten Tech-Bros von Trump“, die auf dessen Geheiß die Ukraine unterstützen. Elon Musks Satellitennetzwerk Starlink bildet dabei das kommunikative Rückgrat der gesamten Operationen.
Die deutlich veränderte Lage wird auch in Kiew zur Kenntnis genommen: „Es sieht so aus, als ob sich die Krim in Kürze in eine Insel verwandelt“, sagte der ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow breitbeinig in einem Interview. Für die Ukraine öffne sich mit den Angriffen auf die russischen Nachschublinien ein „Fenster der Möglichkeiten“. Für die Russen beginne „eine Hölle, die sie nur schwerlich meistern werden“.
Die Beeinträchtigungen der russischen Logistik haben demnach bereits direkte Auswirkungen auf die Zahl der russischen Angriffe entlang der Frontlinie. Während der Urlaubssaison werde die Krim in diesem Jahr nur von ukrainischen Drohnen erkundet, sagte er dabei sarkastisch.
Bereits mehr Drohnen als im Vorjahr eingekauft
Innerhalb von vier Monaten habe sein Ministerium mehr Drohnen beschafft als im gesamten Vorjahr. Bei Drohnen mit Glasfaserverbindung und mittlerer Reichweite habe man bereits das Dreifache der Vorjahresmenge erreicht. „Das sind Hunderttausende Drohnen mittlerer Reichweite“, sagte Fedorow, der seit Jänner im Amt ist. Die Botschaft ist klar: Der Krieg soll sich weiter Richtung Russland verschieben.