Kultur

Reichenaus „Reigen“ mit ansprechenden Wahrheiten

Reichenaus „Reigen“ mit ansprechenden Wahrheiten

Zweite Premiere in Reichenau: Das Burgtheaterpaar Alexandra Henkel und Dietmar König schärft Schnitzlers oft gespielten „Reigen“ mit gutem Resultat zum feministischen Kammerspiel. Therese Affolter steht an der Spitze des erfreulichen Ensembles.

Der „kleine Spielraum“ der Festspiele von Reichenau ist der Ort für das Intime, Aufwand- und Ausstattungslose. Auf der Arenabühne geht es um das Wort und die Kunst der Schauspieler. Die sind dem Publikum so nahe, dass sich unredlicher Applausfang sofort von selbst entlarven würde.

Sehenswertes Ehepaar
Umso interessanter ist es diesmal, den Burgschauspielern Alexandra Henkel und Dietmar König in Doppelfunktion zuzusehen. Ein Paar auch im Leben, haben sie den oft gesehenen „Reigen“ nicht nur inszeniert, sondern verkörpern auch sehenswert das Ehepaar.

Die Frage ist, was man der Aufführungsgeschichte noch hinzuzufügen kann. Einerseits ist sie über die Jahrzehnte mit den Besten der Besten überbesetzt. Andererseits schafft Schnitzler derart plastische Charaktere, dass man sie auch ohne Legenden-Entourage vor sich zu sehen meint. Dass das Stück einst Tumulte auslöste, erschließt sich jedenfalls nach wie vor: Im Sinne Freuds werden Nähe und Gefühle durch unverhüllte Gier ersetzt. In der katholisch und männlich dominierten Welt nimmt sich jeder jede. Bis sich am Ende der Kreis mit der Dirne und dem Grafen an den Klassenextremen schließt.

Frivole Gedichte
Auch unter leicht veränderten Umständen – Kirche und Männer haben schon bessere Zeiten erlebt – gibt das noch genug Material für einen erhellenden Abend. Henkel und König arbeiten den feministischen Aspekt heraus, indem sie die Männer bis zur Karikatur schärfen.

Schnitzler wird kein fremdes Wort, aber eine Anzahl seiner erstaunlich scharfen und frivolen Gedichte hinzugefügt. Ein Chor, formiert aus den weiblichen Rollen, ermutigt die deutlich kantigeren und menschenähnlicheren Geschlechtsgenossinnen.

Anmut und Alterslosigkeit
Gespielt wird von allen zehn Mitwirkenden sehr gut. Sollte man jemanden hervorheben, wäre das Therese Affolters Dirne in ihrer selten gesehenen Anmut und Alterslosigkeit. Das inszenierende Paar, Stefanie Dvorak, Daniel Jesch, Stefan Jürgens, Lukas Watzl, Markus Freistätter, Clara Wolfram und Bettina Schwarz profitieren auch von Bernhard Moshammers unpenetrant sinnstiftender Musik.

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