NATO-Chef Mark Rutte hat keine leichte Aufgabe: Er muss Donald Trump im Sinne des Bündnisses bei Laune halten. Dabei schreckt er nicht davor zurück, die eigene Würde dem Wohlwollen des US-Präsidenten unterzuordnen. Beim NATO-Gipfel in der Türkei wurde er auf diesen Umstand direkt angesprochen.
Er bezeichnete Trump indirekt als „Daddy“, schreibt ihm halbe Liebesbriefe und biegt sich die Launen des Republikaners stets so zurecht, um sie öffentlich unterstützen zu können. Gemeint ist NATO-Chef Mark Rutte.
Der Niederländer demütigt sich am laufenden Band selbst – im Sinne des Staatenbundes, wie er selbst immer wieder durchblicken lässt. Wenn Trump darüber fabuliert, Grönland militärisch einzunehmen oder Spanien einen Wirtschaftskrieg erklärt, hat er vom Generalsekretär der NATO keine öffentliche Gegenrede zu erwarten.
Dänischer Reporter provoziert Rutte
Dieser Umstand kommt bei anderen Bündnispartnern freilich mäßig gut an. Die Frustrationen wurden beim NATO-Gipfel in Ankara hörbar, als ein dänischer Reporter Rutte vor der Weltpresse damit konfrontierte.
Der „alte Mark Rutte“ hätte Trumps Drohungen zurückgewiesen. Heute sei das nicht mehr der Fall: „Hat das irgendeinen Einfluss auf Ihre Selbstachtung, wenn Sie so neben ihm sitzen und nichts sagen?“, wollte Rasmus Svaneborg vom Niederländer wissen.
Rutte nahm den persönlichen Angriff stoisch zur Kenntnis und umschiffte die Frage – und tat das, was er in jüngster Vergangenheit immer machte. Er hielt einen Lobgesang auf Trump. „Wissen Sie, ich erkenne immer an, wenn Lob angebracht ist“, erklärte der NATO-Chef. Dass das Bündnis heute „so stark“ ist, sei dem US-Präsidenten zu verdanken.
Neben der russischen Bedrohung sei Trump einer der Hauptfaktoren für die jüngsten Aufrüstungsprogramme. Das diese auch an der Unzuverlässigkeit der aktuellen US-Regierung liegen, sparte er freilich aus. Der von Trump geforderte „Ausgleich der Ausgaben“ mache Europa stärker und damit zu einem besseren Partner für die USA.
In Sachen Grönland hätte er Trumps Sicherheitsbedenken „im hohen Norden“ geteilt. Er habe jedoch darauf verwiesen, dass die Zukunft nur gemeinsam gestaltet werden könne. „Das ist genau das, was wir jetzt tun.“ Ob er seine Kritiker damit überzeugen kann, darf bezweifelt werden.
Ruttes Taktik scheint zumindest kurzfristig aufzugehen. Aus Teilnehmerkreisen verlautete, Trump habe sich bei dem Treffen mehr Wertschätzung für die USA innerhalb der NATO gewünscht und den Partnern zugleich versichert: „Wir wollen bei Ihnen bleiben.“
Trump gibt sich betont versöhnlich
Trump kündigte außerdem an, der Ukraine die Erlaubnis zum Bau von Patriot-Luftabwehrraketen zu erteilen. Nach dem Treffen zeigte sich der US-Präsident überraschend versöhnlich: „Es war ein großartiges Treffen, in diesem Raum war viel Liebe, viel Eintracht“, sagte er. Rutte sprach ebenfalls von einem „großen Gemeinschaftsgefühl“ der 32 NATO-Staats- und Regierungschefs. Und betonte erneut: Trumps „Führung“ verändere das Verteidigungsbündnis und mache es stärker.