Vier Jahre haben sich die britischen Bombast-Rocker Muse für ihr zehntes Album „The Wow! Signal“ Zeit gelassen. Die lyrische Reise geht ins weit All und ins tiefe Innere der eigenen persönlichen Welt. Musikalischh grätscht man in alle Richtungen und zeigt, Kommerz und Wagemut können funktionieren. Es ist ihr spannendstes Album seit mindestens 15 Jahren.
Wenn Künstler oder Bands das Irdische in ihrer Themenpalette ausgereizt haben, dann müssen sie in den Kosmos ausscheren. Die britischen Parade-Rocker von Muse haben in ihrer auch schon 30-jährigen Karriere schon des Öfteren den Sprung in den Orbit gewagt, setzen das auf ihrem zehnten Studioalbum „The Wow! Signal“ nun aber auch lose konzeptionell um. Das titelgebende Signal wurde als thematischer Unterbau durchaus der Realität entlehnt. 1977 wurde aus dem Sternbild Schütze ein ungewöhnlich starkes Radiosignal empfangen, das 72 Sekunden lang anhielt und aufgrund seiner Eigenschaften als möglicher Hinweis auf eine außerirdische Quelle galt. Der Astronom, der die Anomalie entdeckte, markierte die Zahlenfolge „6EQUJ5“ und schrieb daneben „WOW!„ - ein Vermerk, der dem Phänomen seinen bis heute bekannten Namen gab und der Matt Bellamy und Co. einen perfekten Unterbau für ein neues Projekt gab.
Alle Grenzen werden durchbrochen
Das halbe Album hat man in Form von Singles aufgeteilt schon seit einem guten Jahr kennengelernt und diese gaben einen guten Einblick in die gegenwärtige Klangwelt von Muse. Bellamy, Wolstenholme und Howard haben sich nach unzähligen ausverkauften Stadionkonzerten, Festival-Headliner-Slots und respektablen Verkaufserfolgen eine Position herausgespielt, die ihnen alles erlaubt und dieses alles versucht man auf „The Wow! Signal“ umzusetzen. Wie es dem heutigen Pop-Zeitgeist entspricht, wird in möglichst vielen Bereichen experimentiert und mäandert, sodass man den Spannungslevel möglichst hochhält. Im Falle des neuen Albums beginnt das bereits mit einem der besten Opener der Muse-Bandhistorie. „The Dark Forest“ galoppiert behände in das Werk und erinnert nicht ganz unabsichtlich lose an den Klassiker „Knights Of Cydonia“, während man sich gegen Ende hin orchestral gibt.
Beim darauffolgenden „Nightshift Superstar“ wagen sich die Briten ungeniert in die 80er-Glam-Disco. Die krachenden E-Gitarren werden ins Eck geräumt, dafür die Synthies ausgepackt und bei flackerndem Discokugel-Licht zur Tanzfläche gebeten. Dazu schwingt sich Bellamys markanter Falsett-Gesang in neue Höhen. Der Break kommt direkt danach mit der mitreißenden Ballade „Shimmering Scars“, einem der persönlichsten und intensivsten Songs der Muse-Bandhistorie. Einer dieser Songs, die hauptverantwortlich dafür sind, dass Muse für dieses Werk so wenige Interviews wie möglich geben, weil sich Bellamy durch seine direkte und persönliche Zugangsweise beim Texten nicht noch zusätzlich erklären möchte. Dem französischen „Rolling Stone“ erklärte der Frontmann vor gut einem Monat: „Es fällt mir schwer, manche Dinge in Interviews breitzutreten. Ich persönlich und wir allen leben heute in einem wesentlich chaotischeren und instabileren Leben als vor Jahren. Mir war wichtig, diese Gefühlslage auf dem Album zu haben.“
Altes und Neues gut vermengt
Mit „Cryogen“, „Be With You“ und „Hexagons“ folgt dann gleich ein Dreigestirn an Songs, die Fans bereit seit geraumer Zeit vorab hören können. „Cryogen“ erinnert mit seiner markanten Spur an die Muse-Frühzeiten, freilich ohne an den rohen Ursprung von damals wirklich heranreichen zu können, bei „Be With You“ paaren sich elektronische Versatzstücke mit Bellamys markanter Stimme, während „Hexagons“ es schafft, schräge Gitarrenriffs und elektronische Klangteppiche so miteinander zu verbinden, dass sie trotz allem ein progressives, großes Ganzes ergeben. Muse klingen im Mittelteil des Albums wie eine Mischung aus ihrer eigenen Vergangenheit rund um die frühen 2010er-Jahre und einer neuen Band, die sich nicht den Einflüssen der Moderne verschließt und versucht, sich selbst neu zu präsentieren und zu überraschen. Besonders gut gelingt das am härtesten Stück des Albums, „The Sickness In You & I“ – dort knallt die Hauptgitarre in bester Rammstein-Powerchord-Manier, während Bellamys Stimme manisch klingt und der Rest der Band viehisch wütet. Das klingt so, als hätten Muse sich ein Wochenende mit Heavy Metal-Platten eingedeckt und steht ihnen mit den klassischen Prog-Schlenkern sehr gut zu Gesicht.
Die bereits vor einem Jahr veröffentlichte, allererste Single-Auskoppelung „Unravelling“ erklingt wie der etwas sanftere kleine Bruder des Vorgängersongs, bis man bei „Hush“ noch einmal für eine Überraschung sorgt. Nicht nur deshalb, weil Pop-Queen Ellie Goulding hier einen durchaus gelungenen Gastauftritt vorweist, sondern auch, weil der sehr eingängige Refrain von einer schrägen, fast schon dissonanten Pop-Konstellation ummantelt wird. Die Gitarrenspuren klingen mal funky, dann wieder nach Prog-Rock, leiten aber im Prinzip nur das Grande Finale ein, wo sich das gesamte Instrumentarium in ein wuchtiges Crescendo entlädt. Ein echter Banger, der sich aber erst nach einer gewissen Zeit als solcher erweist und etwas Geduld zum Eingrooven verlangt, dann aber durch eine völlig eigene Melodieführung besonders gut dafür entschädigt. Der verträumte Closer „Space Debris“ wird nicht bei allen zünden, erweist sich aber als perfekte Klammer, um das ambitionierte nach zehn Nummern zu schließen.
Man wagt sich auf neues Terrain
Die einzelnen Nummern lassen sich in einer Art Orwellschen Dystopie zusammenfassen und zeigen Muse von einer beeindruckenden Vielseitigkeit. Man zitiert quasi alle Phasen der vergangenen Karriere, vermischt dies mit zeitgemäßen Klängen und wagt sich dabei vor allem im Bereich der Synthesizer, der Elektronik und der textlichen Intensität auf eine ganze neue Ebene, die man von den kommerziell erfolgreichen Rockern so noch nicht gehört hat. Bei so viel Bombast hätte man ob des drohenden Kitsch-Overflows schnell Schiffbruch erleiden können, doch das Schinakel scheppert souverän durch die See und lässt sich auch von austrabenden Winden nicht außer Tritt bringen. Immer dann, wenn sich Bellamy und Co. zu stark in die Elektronik legen, grätscht eine wilde E-Gitarre ums Eck. Immer dann, wenn man sich vielleicht einmal zu viel an der eigenen Frühphase orientiert, experimentiert man über alle Grenzen hinaus mit Instrumen, Atmosphären und Zusammenhängen. So frisch, unverbraucht und neugierig klingt nur eine Band, die ihr Mojo aus den Frühtagen mit den Erfolgen der jüngeren Vergangenheit erwischt und sich alles traut. Chapeau! Bei der nächsten Europa-Tour leider ohne Österreich-Termin. Hoffentlich ändert sich das zumindest 2027 …