Der belgische Konzern Ardo hat Österreich eiskalt verlassen: Jetzt frieren die heimischen Gemüsebauern ihr Gemüse selbst ein. Mehrere heimische Unternehmen bauen ihre Verarbeitung aus, und die Gemüsebauern bekommen neue Abnehmer. Damit soll Tiefkühlgemüse aus Österreich im Supermarktregal bleiben. Ein „nahtloser Übergang“ ist gewährleistet – auch wenn das Werk im Jahr 2027 schließt.
Der Schock in Österreichs Gemüsekammer war groß – und saß tief. Sechs Wochen lang drohte das Marchfeld seine Tiefkühltruhe zu verlieren. Österreichs Gemüseversorgung mit österreichischem Gemüse stand auf dem Spiel. Bekanntlich wollte der belgische Ardo-Konzern auch aus Angst vor Konkurrenz sein Werk mitsamt dem teuren Gerät nicht verkaufen – die Republik folglich aus Belgien und mit belgischem Gemüse beliefern.
Nach langen Verhandlungen gibt es jetzt aber eine Lösung – und zwar ohne den belgischen Gemüsegiganten: Mehrere heimische Unternehmen bauen ihre Verarbeitung aus, und die Gemüsebauern bekommen neue Abnehmer. Damit soll Tiefkühlgemüse aus Österreich im Supermarktregal bleiben.
Selbst sind die Bauern
„Es ist gelungen, die Versorgung mit rot-weiß-rotem Gemüse zu sichern“, sagt Niederösterreichs Landesvize Stephan Pernkopf, der gemeinsam mit Lorenz Mayr, dem designierten Präsidenten der Landwirtschaftskammer NÖ, federführend verhandelt hat. Beide bringen die Bilanz auf eine Formel: „Konzerne sperren zu, doch heimische Familienbetriebe und bäuerliche Genossenschaften sichern die Versorgung mit heimischem Gemüse auch in Zukunft.“
Dass um ein einzelnes Werk so hart gerungen wurde, hat einen Grund. Der Fall Ardo zeigt, wie dünn die Decke bei der Lebensmittelversorgung ist. Laut Mayr werden mehr als 80 Prozent des heimischen Tiefkühlgemüses im Werk in Groß-Enzersdorf produziert.
Ersatz lasse sich „nicht in der Schnelle“ finden, und man sehe, „wie verletzbar wir hier in Österreich sind“. Am Marchfeld hängt fast die gesamte heimische Tiefkühlversorgung, von Iglo bis zu den Eigenmarken der großen Ketten. Fällt das Werk weg, kommen Spinat und Erbsen aus dem Ausland.
Dabei geht es um viel Geld: 2025 lieferten die Marchfelder Bauern rund 40.000 Tonnen Rohware im Wert von 18,5 Millionen Euro. Auch der Handel stellte sich hinter die heimische Ware. Der Supermarktriese SPAR will kein ausländisches Tiefkühlgemüse des belgischen Unternehmens für seine Eigenmarken verwenden, und die Billa-Mutter Rewe will „weiterhin konsequent“ auf Tiefkühlgemüse aus Österreich setzen. Pernkopf und Mayr ziehen daraus die Lehre: Statt von einem einzigen internationalen Konzern abzuhängen, stehe die Versorgung künftig „auf mehreren Beinen“.
Die Angst vor Konkurrenz
Am 24. September kündigte Ardo an, das Werk in Groß-Enzersdorf 2027 zu schließen. Betroffen sind 190 Beschäftigte und 50 Leiharbeitskräfte, dazu rund 500 Betriebe der Erzeugerorganisation Tiefkühlgemüse (ETG) auf etwa 3300 Hektar. Für die Region war es nach der Schließung der Agrana-Zuckerfabrik in Leopoldsdorf „der zweite schwere Schlag“.
Bund und Land boten Hilfe an, doch Ardo lehnte das Hilfs- und Subventionspaket auch aus Angst vor nationaler Konkurrenz ab und hielt einen Verkauf der Anlage nicht für realistisch. Mehr als 106.000 Menschen unterschrieben eine Petition für Marchfelder Tiefkühlgemüse.
Die rot-weiß-rote Rettung
Die Erzeugergenossenschaft ETG ist das Herzstück der neuen Lösung. Über neue heimische Abnehmer, darunter Waldland, können künftig bis zu rund 2000 Hektar bewirtschaftet werden. Angebaut werden sollen Sojabohnen und Edamame, Blatt- und Wurzelgemüse, Kräuter sowie Erdäpfel. Eine eigene Verarbeitungslinie für Blattgemüse wird geprüft. „Wir haben tage- und nächtelang nach Lösungen gesucht“, sagt ETG-Obmann Robert Kriegl.
Auch Schneiders Gemüseland aus Groß-Enzersdorf baut seine Kapazitäten deutlich aus. Am Ende könnte laut den Verhandlern sogar mehr Gemüse im Marchfeld wachsen als bisher. Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig sieht die „Lücke in der rot-weiß-roten Wertschöpfungskette geschlossen“. Fast alle heimischen Gemüsesorten können gesichert werden – einzig für den Tiefkühlspinat muss weiter eine Lösung gefunden werden.
Zum Durchschnaufen reicht das, zum Zurücklehnen weiterhin nicht. Ob die neuen Strukturen halten, zeigt sich mit dem Anbau im Frühjahr. Ein „nahtloser Übergang“ sei aber gewährleistet. Pernkopf und Mayr sagen es selbst: Wer heimisches Gemüse im Regal haben wolle, brauche nicht nur die Bauern, sondern „auch eine starke heimische Verarbeitung“.