Seit den Wahlen Ende September ist der Alltag in Russland noch härter geworden: Die Preise steigen und steigen. Doch nicht alle wollen die Missstände stillschweigend hinnehmen.
Während die russische Staatspropaganda weiterhin bemüht ist, eine möglichst positive Stimmung aufrechtzuerhalten, platzt immer mehr Russen der Kragen. Alles wird teurer. Mittlerweile ist das Geldbörserl so sehr belastet, dass der Rubel nicht einmal mehr für die Grundbedürfnisse reicht.
Was sich genau hinter den Kulissen abspielt, beleuchten zwei Mitarbeiterinnen einer russischen Supermarktkette. „Heute sind wir schon den ganzen Morgen in Schockstarre. Wir müssen jede Menge Preisschilder ändern. Die Wahlen sind vorbei, jetzt kosten alle Lebensmittel mehr“, erklärt die 36-jährige Bloggerin Swetlana Ischilenko aus Sotschi auf Instagram. Die neuen Schilder dokumentieren eine Teuerung zwischen 18 und 33 Prozent – von einem Tag auf den anderen. Mehr als 5,8 Millionen Aufrufe und 185.000 Likes heimste der Clip ein.
„Gehen einkaufen wie in einem Museum“
Die aus ganz Russland eintreffenden Kommentare unter dem Beitrag zeichnen ein bedenkliches Bild. „Wir gehen mittlerweile einkaufen wie in einem Museum. Es ist peinlich, jemandem unseren Einkaufskorb zu zeigen“, beschwerte sich ein Nutzer. „Zumindest kaufen wir jetzt noch etwas. Aber bald werden wir nur noch schauen“, meinte ein anderer. „Ich gehe eigentlich überhaupt nicht mehr einkaufen, ich habe kein Geld für diesen Luxus. Ich esse, was im Garten wächst. Und wenn ich Lust auf Obst oder irgendeinen anderen Kram habe, dann essen wir es nur von den Bildern“, schreibt ein weiter User.
„Es gibt nur ein ,Hungriges Russland‘“
Immer lauter wird die Kritik an Kremlchef Wladimir Putin. Es gibt kein „Einiges Russland“ (die mitgliederstärkste Partei in Russland, Anm.), sondern nur ein ,Hungriges Russland‘“, scherzte ein Nutzer. „Man hat unser Land verkauft“, beschwerte sich ein anderer. Ein User gesteht in den Kommentaren: „Ich beginne zu stehlen.“ Worauf ein anderer antwortet: „Ich entschuldige mich gleich für alle, die im Supermarkt klauen werden. Das soll alles der ,große Herrscher‘ klären.“
Bittere Retourkutsche
Für die zwei Verkäuferinnen hat die mutige Aktion ein unangenehmes Nachspiel. In einem weiteren Clip erklärt Ischilenko, dass sie gemeinsam mit ihrer Freundin gekündigt worden sei. „Die Firma hatte solche Angst, dass eine Bloggerin den Ruf des Unternehmens ruinieren könnte. Als ob ich diese Preisschilder geändert hätte … Versteht ihr die ganze Absurdität der Situation? Zwei Frauen wegen des Satzes ,Die Wahlen sind vorbei – die Preise sind gestiegen‘ zu feuern“, sagt sie.