Voice of Freedom Повна версія

U-Ausschuss zeigt Drama der Gerichtsmedizin auf

· Politics

Oftmals braucht es einen „prominenten“ Fall um ein massives, strukturelles Problem aufzuzeigen. Denn dass Österreichs Gerichtsmedizin ein solches hat, ist spätestens seit dem Rechnungshofbericht vom Juli 2025 bekannt. Der Untersuchungsausschuss um das Ableben des früheren Sektionschefs Christian Pilnacek legt nun den Finger noch einmal auf eine bereits lange blutende Wunde. 

Dass die Obduktion des im Oktober 2023 tot aufgefundenen Sektionschefs erst sechs Tage später durchgeführt wurde, erscheint dem geneigten Beobachter per se schon lange. Doch der Rechnungshof kritisierte bereits im Juli 2025, dass in Wien etwa die durchschnittliche Wartezeit auf das Ergebnis einer gerichtsmedizinischen Untersuchung nach einem Todesfall durchschnittlich 152 Tagen beträgt. Schneller waren in Wien mit durchschnittlich 98 Tagen die freiberuflich tätigen Sachverständigen, sie führen in der Gerichtsmedizin Wien auch die meisten Obduktionen durch.

Lage der Gerichtsmedizin ist prekär
Die Lage ist prekär, gerade einmal 20 Gerichtsmediziner stehen aktuell für ganz Österreich zur Verfügung, vier Institute in Wien, Graz, Innsbruck und Salzburg gibt es. Stefano Longato, der im Fall Pilnacek als Privatgutachter tätig wurde und auf Basis des Obduktionsberichts ein weiteres Gutachten erstellte, offenbarte bei seiner Befragung im U-Ausschuss, wie weit Österreich eigentlich bereits weg von internationalen Standards ist. Longato war nämlich auch mehrere Jahre in der Schweiz tätig, konkret im Kanton St. Gallen. Damals sei er mehrmals pro Woche zu Leichenfunden gerufen worden. Während seiner fünfjährigen Tätigkeit am Institut in Innsbruck sei dies genau neunmal vorgekommen, dass er und seine Kollegen zu Fundorten ausrückten. 

Fraktionsführerin Nina Tomaselli von den Grünen sagte dazu am Donnerstagmorgen, für sie sei Longatos Befragung genau deswegen „eine der erkenntnisreichsten im ganzen Untersuchungsausschuss gewesen“: „Wir haben einen Einblick in den Zustand der Kriminologie in Österreich bekommen.“ 

Auch Sophie Wotschke von den NEOS, die zwar die Befragung boykottiert hatten, sagte, man habe durchaus einen Einblick bekommen, wie Behörden arbeiten. Auch Kai Jan Krainer von der SPÖ bezeichnete Longato als „überraschend interessante und hilfreiche Auskunftsperson“ aufgrund der vorgenommenen Einordnung und der internationalen Vergleichbarkeit. Dennoch sei er dann froh, wenn man sich nicht mehr mit „gerichtsmedizinischen Themen“ auseinandersetzen müsse: „Wenn jemand gerne im Bunker dabei gewesen wäre ... so schön war das auch wieder nicht.“

Vorlage der Geheimakten sorgte für Debatten
Für Diskussionen hatte der Vorhalt der FPÖ von Akten der Stufe 3 für den Gerichtsmediziner gesorgt, dabei handelte es sich mutmaßlich um Bilddokumentation der Obduktion Pilnaceks, in die Longato bislang keinen Einblick gehabt hatte. Die Sitzung war daraufhin unter Ausschluss der (Medien-)Öffentlichkeit geheim weitergeführt worden, in einem speziellen, abhörsicheren Raum. Abgeordneter Thomas Spalt betonte, man wolle noch die Befragung der weiteren Rechtsmediziner am Donnerstag abwarten. Danach wird entschieden, ob Teile des geheimen Protokolls so weit in der Geheimhaltungsstufe herabsetzen könne, dass es der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. 

Kritik kam von der ÖVP, diese sah „Grenze überschritten, die an Pietätlosigkeit nicht zu überbieten sind“. Abgeordneter Thomas Elian meinte am Donnerstagmorgen, man sei „am politischen Tiefpunkt angelangt“. Es gebe „viele Inszenierungen, aber keinen neuen Erkenntnisgewinn“: „Man kann mittlerweile von einem reinen Steuergeld-Verschwendungsausschuss sprechen, es gibt keine Hinweise auf politische Einflussnahme.“

Blutet Gerichtsmedizin aus, bleiben Verbrechen ungesühnt
Zurück zum Zustand der Gerichtsmedizin. Zuletzt hatte die Ärztekammer im März 2026 vor Personalmangel und finanziellen Engpässen gewarnt. „In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Gerichtsmedizin in Österreich Schritt für Schritt derart demontiert, dass inzwischen in vielen Fällen die zeitnahe Aufklärung von Gewaltdelikten und anderen Verbrechen stark verzögert oder sogar unmöglich wurde“, fasste Johannes Steinhart, Präsident der Österreichischen Ärztekammer damals zusammen. 

Auch die Überalterung sei ein großes Problem, zudem steige die Arbeitsbelastung durch die Gewaltambulanzen, berichtet auch Mario Darok von der Medizinischen Universität Graz, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gerichtliche Medizin. Denn die Konsequenzen eines weiteren Ausblutens der Gerichtsmedizin wäre, dass viele Verbrechen ungeklärt bleiben.