Die Stimmung in Deutschlands größten Mercedes-Werken scheint zu kippen. In einem ungewöhnlich scharf formulierten offenen Brief warnen die Vertreter von rund 100.000 Beschäftigten Bundeskanzler Friedrich Merz vor den Folgen seiner Reformpläne. Sie sprechen von wachsender Wut in den Betrieben – und warnen sogar vor einer gefährlichen politischen Entwicklung.
Die Vertreter der Mercedes-Benz-Werksmitarbeiter fordern in der Debatte über die Reform des Sozialstaats eine Kurskorrektur der deutschen Bundesregierung. In einem diese Woche versandten Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz verlangen sie unter anderem den Erhalt der abschlagsfreien Pension nach 45 Beitragsjahren, des Acht-Stunden-Tages sowie der Altersteilzeit. Die von der schwarz-roten Regierungskoalition vereinbarten Reformvorhaben seien „weltfremd“.
Zugleich kritisieren die Arbeitnehmervertreter Aussagen von Merz und anderen Regierungsmitgliedern, wonach Deutschlands Arbeitnehmer „zu faul. Zu teuer. Zu häufig krank“ seien.
„Mit den Sorgen wächst die Wut“
Der Brief wurde auf Initiative der Vertrauenskörperleitungen der IG Metall in den verschiedenen Mercedes-Werken verfasst. Mehr als 1000 Vertrauensfrauen und Vertrauensmänner vertreten dort die Beschäftigten auf Betriebsebene.
„Der Brief fasst die Stimmung zusammen, die wir in den Werken von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zurückgemeldet bekommen“, sagt Jose-Miguel Revilla, Leiter der Vertrauensleute im Werk Untertürkheim.
Im Schreiben heißt es, viele Beschäftigte hätten zunehmend den Eindruck, dass ihre Interessen im Bundestag nicht mehr vertreten würden. „Diese Tendenz ist fatal, denn sie spielt Gruppierungen jenseits der politischen Mitte in die Karten“, warnen die Gewerkschafter.
Weiter schreiben sie: „Mit den Sorgen der Kolleg wächst die Wut.“ Längere Arbeitszeiten, weniger Krankenstandstage, ein späterer Pensionsantritt und höhere Kosten im Gesundheitswesen seien aus ihrer Sicht „ein direkter Angriff auf uns Arbeitnehmer“. Die Folgen seien zunehmende Unsicherheit, Kaufkraftverlust und soziale Spaltung.
Kritik an Renten- und Arbeitszeitplänen
Besonders scharf fällt die Kritik an einer möglichen Abschaffung der abschlagsfreien Pension nach 45 Versicherungsjahren aus. Im Brief heißt es, auf solche „weltfremden Reformpläne“ könne nur jemand kommen, der nie selbst an einer Montagelinie gearbeitet oder körperlich schwere Arbeit verrichtet habe.
Auch Überlegungen zur Lockerung des Acht-Stunden-Tages stoßen auf Widerstand. Arbeitnehmervertreter Sven Schmiech verweist auf die Belastungen in Gießereien und anderen körperlich anspruchsvollen Bereichen und hält einen Pensionsantritt mit 70 Jahren für viele Beschäftigte für unrealistisch.
Auch CDU-Politiker üben Kritik
Mit ihrer Forderung nach dem Erhalt der abschlagsfreien Pension stehen die Mercedes-Beschäftigten nicht allein. Zuletzt hatten sich auch mehrere ostdeutsche CDU-Ministerpräsidenten sowie SPD-Landeschefs gegen eine Abschaffung ausgesprochen.
Die Bundesregierung hatte vereinbart, die Vorschläge der Renten-Reformkommission umzusetzen. Dazu gehört auch eine Kopplung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters an die Lebenserwartung. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche bekräftigte zuletzt grundsätzlich diesen Kurs, zeigte sich jedoch offen für Ausnahmen bei besonders körperlich belastenden Berufen.
IG Metall stellt sich hinter den Brief
Die IG Metall unterstützt die Initiative der Mercedes-Beschäftigten. Ein Sprecher erklärte, der offene Brief stehe beispielhaft für die derzeit angespannte Stimmung in vielen Betrieben und zeige authentisch, wie die Beschäftigten den aktuellen politischen Diskurs wahrnehmen.
Hinzu kommt die schwierige wirtschaftliche Lage des Autobauers. Mercedes-Benz kämpft mit sinkenden Pkw-Verkäufen und rückläufigen Gewinnen und treibt ein Sparprogramm voran. Arbeitnehmervertreter befürchten deshalb, dass notwendige Einsparungen zunehmend auf Kosten der Belegschaft erfolgen könnten. Gleichzeitig betonen sie jedoch, dass sie eine starke Wirtschaft und erfolgreiche Unternehmen als Grundlage für sichere Arbeitsplätze ansehen – Reformen dürften ihrer Ansicht nach aber nicht ohne die Beschäftigten erfolgen.