Viereinhalb dramatische Texte der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek werden am Wiener Volkstheater eins. „Die Ankunft“ glänzt trotz leichter Tendenz zu burleskem Ausufern.
Drei Wochen vor ihrem 80. Geburtstag steht Elfriede Jelinek für kultische Großformate an den besten Wiener Häusern. Für den Vierstünder „Unter Tieren“ am Burgtheater sind kaum Karten zu bekommen. Nun verdichtet das Volkstheater das dramatische Schaffen der Nobelpreisträgerin auf großteils inspirierende drei Stunden.
Unter dem Obertitel „Die Ankunft“ geht es um Jelineks Kernmotiv, die Bestialität unter der dünnen Decke der Zivilisation. „Wolken.heim“ (1988) errichtet mit Heidegger- und Hölderlin-Zitaten das kulturhistorische Fundament. Hier zeigt der inszenierende Direktor Jan Philipp Gloger gleich die virtuose Fertigkeit, die in Farben des Zorns und der Ironie funkelnde Textmasse zu Gestalten zu ordnen.
„Rechnitz – der Würgeengel“ fasst eine historische Ungeheuerlichkeit in Botenberichte: Stunden vor dem Zusammenbruch des Nazi-Reichs, Höhepunkt einer orgiastischen Abschiedssause, knallte der Party-Mob 180 Zwangsarbeiter ab. Hier arbeitet Gloger auf Marie Roths Bühne am kühnsten und konsequentesten. Andrej Agranovski stößt eine verstörende Ewigkeit lang 180 Mal den Spaten in den Bühnenboden – ein Schlag für jeden Schuss. „Das schweigende Mädchen“ (über den Prozess gegen die NSU-Nazis) und „Das Lebewohl – nein: die Ankunft“, den Bogen zum drohenden Volkskanzler schlagend, führen auf die groteske Seite in Jelineks Werk. Hier wäre etwas Reduktion kein Fehler gewesen.
Vor bald vier Jahrzehnten machte die große Volkstheaterdirektorin Emmy Werner die Dramatikerin Jelinek in Österreich heimisch. Jetzt leiht sie ihr inmitten eines tollen Ensembles als skurriler und berührender, beängstigender und ermutigender Engel der Geschichte die Stimme. Ihr Schlussmonolog, von der Nobelpreisträgerin für den Abend geschrieben, ist schon ein Stück Aufführungsgeschichte.