Kultur

„Fausts Verdammnis“ als gigantischer Bildersturm

„Fausts Verdammnis“ als gigantischer Bildersturm

Mehr Spektakel geht nicht! Mit einer bombastischen Inszenierung von Hector Berlioz‘ „La Damnation de Faust“ startet die Oper Graz in die neue Saison. Die Musik gerät da mitunter zwar in den Hintergrund, das Erlebnis ist dennoch gigantisch.

Am Ende wird das Orchester den Weg in den Orchestergraben noch finden – wenn auch nur als Kopie. Doch Regisseur Lorenzo Fiorini hat die Grazer Philharmoniker in seiner raumgreifenden Inszenierung von „La Damnation de Faust“ quasi auf die Hinterbühne verdammt. Dort leisten sie unter Johannes Braun zwar wirklich hochwertige Arbeit, bringen Berlioz‘ rauschhaften Mix aus Oper, Oratorium und Sinfonie zum Glänzen. Doch das Spektakel, dass sich vor ihnen abspielt, macht den Genuss dieser Arbeit mitunter nicht ganz einfach.

Alles, was die Oper zu bieten hat
Denn Fiorini und sein Team fahren alles auf, was die Oper zu bieten hat, um aus diesem Abend ein Spektakel zu machen. Das Bühnenbild von Sebastian Hannak ist eine kunterbunte und quietschfidele Materialschlacht, die sich bis in den Publikumsbereich erstreckt und Augenschmaus bis zur absoluten Völle bietet. Auch personell ist die Inszenierung eine Materialschlacht – Chor, Singschul‘ und die Statisterie sind quasi vollständig vertreten, ziehen mal als ungarische Protestbewegung der 1970er durch die Oper, nur um wenig später als Tutu-Armee wieder aufzutauchen (Kostüme: Katharina Gault).

Auch Faust ist in dieser Inszenierung, die einem Bildersturm gleichkommt, immer und überall. Er steht nicht nur als Figur auf der Bühne, sondern lacht von Plakaten, wird als Buch gelesen und schimmert als Stummfilm über die Leinwand. Kurz: Die Inszenierung ist sich nicht nur der historischen Wucht des Stoffes sondern vor allem auch deren unendlicher Theatralik bewusst. Sie spielt mit ihr bis über die Grenze des Camp hinaus: Faust ist ein verzweifelt-patscherter Forscher, Mephistopheles ein genderqueerer Clown und Marguerite eine überkandidelte Nachtclubsängerin. Letztere scheinen sich bereits zu kennen und das Liebesdrama mit Faust bewusst zu inszenieren. Es ist ein Spiel im Spiel im Spiel – und doch sind die echten Gefühle nicht zu vermeiden.

Großartiger Chor und tolle Solisten
Bei all dieser inszenatorischen Verspieltheit, bleiben die sängerischen Leistungen jedoch eine ernsthafte Größe: Allen voran glänzt der Chor der Oper unter Johannes Köhler. Pavel Petrov ist ein erstklassiger Faust mit wunderbarem Schmelz , Nikika Ivasechko ein auch stimmlich wunderbar verspielter Mephistopheles und Anna Brull glänzt als Marguerite mit Wucht und feinen Nuancen. Ihr erlaubt Fiorini während „D‘amour l‘ardent Flamme“ dann sogar einen Moment der Reduktion – und zwar wortwörtlich, denn hinter ihr beginnt der Abbau des Bühenbombasts, um Platz für den Abgrund zu schaffen, der sich nicht nur für Faust auftun wird. Denn am Ende werden auch Chor und Statisterie als oben bereits erwähnte Kopie des Orchesters ihre Höllenfahrt in den Orchestergraben erleben – und ihre Wiedergeburt als Zombies.

Ja, das alles ist wahsinnig. Ja, das ist überwältigend. Und ja, das macht nicht immer alles Sinn. Aber verdammt: Ja, das ist großes Theater!

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