Märchenstarke Klangmagie für Richard Strauss
Festival von Aix-en-Provence: Jungstar Klaus Mäkelä begeistert als Richard-Strauss-Dirigent mit „Die Frau ohne Schatten“. Barrie Kosky inszeniert ein ausgezeichnetes Ensemble in starken Bildern.
Zwei Paare, ein nobles, ein gewöhnliches, finden nach harten Prüfungen zueinander. Hugo von Hofmannsthal hatte auch Mozarts „Zauberflöte“ im Sinn, als er Richard Strauss die 1919 in Wien uraufgeführte „Frau ohne Schatten“ dichtete.
Ein poetisches Märchendickicht mit Freud im Gepäck und dem Ersten Weltkrieg im Rücken. Die Kaiserin steht im Zentrum. Sie ist Tochter des Geisterkönigs, hat sich aus einer weißen Gazelle, die der Kaiser erlegt hatte, in einen Menschen verwandelt. Jedoch wirft sie keinen Schatten, ist nicht menschlich, seelenlos und daher unfähig, Kinder zu bekommen. Mit ihrer zauberkräftigen Amme muss sie zu den Menschen, um der mit dem Färber Barak verheirateten Frau den Schatten abzuhandeln. Sonst muss der König versteinern.
Strauss hat das mit aller Pracht zwischen „Ariadne“-Zauber und „Elektra“-Wucht vertont. Das Ganze schlüssig auf die Bühne zu bringen, ist eher unmöglich. In Aix-en-Provence trat nun der umtriebige Barrie Kosky an – und scheiterte mit größtem Anstand. Ganz in Schwarz wippt zu Beginn die Amme, die Spielmacherin, auf nachtschwarzer Bühne in ihrem Schaukelstuhl.
Kosky belässt der Sache ihre undurchdringbare Märchenkraft. Er stellt der kaiserlichen, dunklen Unwirklichkeit einen verwahrlosten Wohnturm des Färber-Paares gegenüber. In den Bühnenbildern Michael Levines gelingen magische Momente: Als der Kaiser heimreitet, sitzt er auf dem Pferd aus einer Alfred-Kubin-Zeichnung, das auf scharfen Wiegemessern über blutige Gazellen schneidet. Es ist ein bildgewaltiges Albträumen, etwa wenn die Färberin im Blutrausch auf ihren Barack mit dem Hammer eindrischt. Manches berührt stark, doch anderes entgleitet ins zu Revuehafte und gegen Ende läuft die Sache sehr banal aus.
Doch im Graben sorgt der souveräne Klaus Mäkelä nach lyrischem Beginn für farbenreiche Orchesterpracht und herrliches Rauschen mit dem bestens einstudierten Orchestre de Paris. Solchem bietet die umwerfende Ambur Braid als bis in die höchsten dramatischen Ausbrüche herrlich strahlende Färberin Paroli.
Vida Miknevičiūtės Kaiserin leuchtet mit etwas Abstand und eher flirrender Höhe dahinter, während die kantig brutale Amme Nina Stemmes alle Textdeutlichkeit schuldig bleibt. Die besitzt dafür der hoch geschmeidige, wenn auch in der Höhe stark geforderte Michael Spyres als Kaiser. Der Barak von Brian Mulligan fällt sympathisch, doch eindimensional aus. Am Ende stehen alle, auch der bemühte Chor und die Sänger der Kleinrollen im enthusiastischen Jubel des Publikums.