Kultur

Hölle des Kriegs, Friede als Traum im Südbahnhotel

Hölle des Kriegs, Friede als Traum im Südbahnhotel

Für Tolstois Zweitausendseiter „Krieg und Frieden“ haben sich die Festspiele Reichenau im Südbahnhotel auf dem Semmering eingemietet. Mit bestem Gewinn!

Sechs Stunden in Düsseldorf, vier Stunden in Bremen: Einer nicht erklärungsbedürftigen Dringlichkeit folgend, beginnt Tolstois Zweitausendseiter „Krieg und Frieden“ die Bühnen zu überrollen. Die Festspiele Reichenau folgen knapp mit dreieinhalb Stunden und wechseln dafür ins Südbahnhotel auf dem Semmering. Das Resultat ist mehr als ansehbar. Und das trotz zweier Einwände: Ein kompakter „Wallenstein“ hätte die Thematik ebenso vermittelt, ohne den lästigen Trend zur Romandramatisierung zu bedienen. Und das verfallende Gemäuer wurde von Paulus Manker überzeugender genutzt, ehe die Beziehungen zum Hoteleigner ins Kriegerische ausarteten: Gespielt wird auf einer langen, schmalen Bühne im Speisesaal, und die Übersiedlung ins Obergeschoß bringt erst recht keinen Mehrwert.

Aber sei`s drum: Das Ergebnis stimmt schon dank der Dramatisierung durch Nicolaus Hagg und Peymanns Dramaturgin Rita Thiele, die eine sichere, verfolgbare Leuchtspur durch die unüberblickbaren Ereignisse ziehen. Um nicht in Wirrnis zu geraten, wird viel mit den Mitteln der Mauerschau, des Botenberichts und des Rückblicks gearbeitet, statt sich vor den Hotelterrassen kriegerisch zu betätigen. Die Eckdaten von Napoleons Russland-Feldzug werden knapp eingesprochen. Fallen sie weg, weil sich die Aufführung auf die erotischen Verstrickungen der drei handlungstragenden Patrizierfamilien konzentriert, verdünnt sich das Ergebnis sofort zum Kolportagehaften, das Tolstois Werk ja ebenfalls eignet.

Aber Philipp Hauß’ vorzügliche, ganz auf das Ensemble konzentrierte Regie lässt Einwände verblassen. Die Innensicht des scheidenden Burgschauspielers ist hier unbezahlbar. Tolstois Protagonisten haben ja nicht nur die Vorstellungswelt der Leser, sondern in solch unterschiedlichen Gestalten wie Audrey Hepburn, Mel Ferrer, Woody Allen und Anthony Hopkins auch das Kinopublikum okkupiert.

Aber in Reichenau wird gründlich und beeindruckend ganz von vorn begonnen. Es geht – ein Atout schon das – zunächst um bedingungslosen Pazifismus. Das Zentrum bildet der formidable Noah Saavedra als Sinnsucher Pierre. Seine Freimaurerszene mit dem in Altersgröße leuchtenden Martin Schwab ist das Glanzstück der Aufführung. Tim Werths’ Andrej und Johanna Mahaffys Natascha halten überzeugend dagegen, und Rafael Schuchter, Evi Kehrstephan und Elias Ellinghaus hervorzuheben, tut allen anderen unrecht. Ein Viertelstündchen könnte man eventuell einsparen. Aber der Einwand verflüchtigt sich schon während des Schreibens.

Vielleicht verpasst