Nach „Blitzbesuch“ per Privatjet in den Urlaub
Der spanische Regierungschef Pedro Sánchez hat sich nach seinem „Blitzbesuch“ in Ceuta direkt in den Lanzarote-Urlaub verabschiedet. Während Einsatzkräfte nach dem historischen Migrantenansturm Leichen aus dem Meer fischten, gab der Sozialist in sozialen Medien Musik-Tipps für den Sommer ...
Vor allem konservative und rechte Kräfte in Spanien nutzen den Vorfall nun, um gegen den linken Premierminister ins Feld zu ziehen. Dieser hätte am Samstag gerade zwei Stunden im „überrannten“ Ceuta zugebracht, bevor er sich wieder aus dem Staub gemacht hätte – und zwar per Privatflieger nach Lanzarote in den Urlaub mit seiner Familie.
Dort erholt er sich nun drei Wochen lang an seinem üblichen Ferienort, der Staatsvilla „La Mareta“ im Touristenort Costa Teguise, wie spanische Medien übereinstimmend berichten. Historische Migrantenanstürme und gewaltige Waldbrände gehen eben an die Substanz.
Musikempfehlungen gegen die Krise
Sánchez residiert nun in einem luxuriösen Anwesen mit Pool, Tennisplatz und direktem Meerzugang, während vor Ceuta noch die Leichen im Wasser treiben und Migranten an den Stränden schlafen, lautet die Kritik. Der Sozialist hat sich zudem mit einem Posting keinen Gefallen getan. Kurz nach seiner Ankunft in der Villa sprach er in einem Instagram-Beitrag leidenschaftlich über seine Lieblingsmusik für den Sommer – darunter Hits von Madonna und den Rolling Stones.
Für viele Spanier ein Schlag ins Gesicht angesichts der noch immer dramatischen Lage. Deeskalierende Öffentlichkeitsarbeit sieht anders aus. Die spanische Regierung hat die Notlage vor Ort für beendet erklärt. Bis zu 60.000 Migranten hatten die Exklave in Nordafrika gestürmt. Fast alle seien offiziellen Angaben zufolge wieder nach Marokko zurückgekehrt.
Chaotische Zustände in Ceuta
Das trifft auch zu. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich immer noch viele illegale Neuankömmlinge in Ceuta aufhalten. Die Stadtregierung spricht von Tausenden. So richtig kann das jedoch niemand sagen. Es führte freilich niemand Buch, als die Stadt überrannt wurde. Feststeht nur: Von einer Rückkehr des Alltags kann keine Rede sein, wie die jüngsten Bilder vom Staatssender RTVE belegen (siehe Tweet unten).
Die Opposition läuft Sturm gegen das Verhalten des Premiers. Carmen Fúnez von der konservativen Volkspartei (PP) wird vom „The Telegraph“ zitiert: „Während Ceuta leidet, macht Sánchez Urlaub. Es gibt nichts Grausameres, als die Realität zu leugnen.“ PP-Fraktionschef Cuca Gamarra kommentierte ironisch auf X, Sánchez müsse wohl „seine Playlist auf voller Lautstärke abspielen, um die Realität nicht zu hören“.
Der Bürgermeister von Toledo, Carlos Velázquez, äußerte in einem Interview mit der spanischen Zeitung „ABC“ tiefe Besorgnis darüber, dass sich ein Regierungschef am Tag nach einer der größten nationalen Krisen der letzten 30 Jahre Musikempfehlungen widmet.
Durch den Urlaubsantritt von Pedro Sánchez sehen konservative Kräfte jede Basis für eine parteiübergreifende Zusammenarbeit als eingefroren an. Regierung und Opposition werfen sich gegenseitig Arbeitsverweigerung und Desinteresse vor, Sofortmaßnahmen nach dem Ceuta-Desaster zu schaffen. Es sei schlicht „sehr schwer, sich mit jemandem zu einigen, der in den Urlaub gefahren ist, die Bürger missachtet und sie im Stich lässt“, werden oppositionelle Stimmen von „El Páis“ zitiert. Politische Kommentatoren bemerkten zudem süffisant, dass die Sicherheitszone um Sánchez’ Urlaubsdomizil mit rund 40 bis 70 Elite-Einsatzkräften strenger bewacht werde als die europäische Außengrenze in Nordafrika.
Schieder verteidigt die Politik von Sánchez
Anderen greift diese Logik zu kurz. Die Rolle Marokkos würde von Konservativen in Europa kleingeredet werden. Die „New York Times“ berichtete etwa, dass Rabat den Ansturm aktiv unterstützt habe.
SPÖ-EU-Delegationsleiter Andreas Schieder kritisierte am Montag bei einer Pressekonferenz das „aufgeregte Verhalten einiger“. Man dürfe sich von Marokko nicht erpressen lassen. Das Land müsse die Leute zurücknehmen und „diese immer wiederkehrenden Aktionen einstellen“.
Der Sozialdemokrat ortet eine Lust daran, Sánchez zu diffamieren. Man wolle offenbar das sozialistisch regierte Spanien kritisieren, obwohl das Land die „niedrigste Inflation in ganz Europa sowie ein massives Wirtschaftswachstum“ habe.
„Diese Aufgeregtheit mancher, etwa in Diskussionen darüber, ob man Schengen außer Kraft setzt, ist vollkommen unangebracht und hat nur Nervosität bei den europäischen Bürgern verursacht“, kritisierte Schieder Spanien-kritische Stimmen aus den anderen Mitgliedsstaaten: „Die Menschen waren in Ceuta und nicht einmal ansatzweise irgendwo, wo eine Schengen-Grenze betroffen gewesen wäre.“
Eine Krise jagt die nächste
Für Sánchez kommen die neuen Diskussionen zur Unzeit. Seine sozialistische Minderheitsregierung ist politisch geschwächt, steht wegen Korruptionsskandalen massiv unter Druck und liegt in aktuellen Umfragen hinter der konservativen PP. 2027 wird in Spanien neu gewählt.
Aus dem Umfeld des Premiers wurde betont, dass ein Urlaub keine Dienstunfähigkeit bedeutet. Die kochende spanische Volksseele wird sich damit kaum beruhigen lassen.