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Wienerin stieß vor 100 Jahren Rekord für Ewigkeit

Wienerin stieß vor 100 Jahren Rekord für Ewigkeit

Heute vor genau 100 Jahren ereignete sich eine Sternstunde für die österreichische Leichtathletik, die bis heute nachhallt! Die Wienerin Lisl Perkaus stellte am 8. August 1926 in Brünn im Kugelstoßen mit 9,80 m einen offiziell anerkannten Weltrekord mit der 5-kg-Kugel auf. Dies ist der letzte vom Leichtathletik-Weltverband geführte Weltrekord mit der 5-kg-Kugel. Danach wurden die Frauen-Bewerbe nur noch mit einer 4 kg schweren Kugel ausgetragen. Die Bestmarke von Lisl Perkaus ist also ein Weltrekord für die Ewigkeit!

Lisl Perkaus, die die Großmutter unserer einst so erfolgreichen Wasserspringerin und jetzigen „Krone“-Redakteurin Anja Richter ist, war gegen Ende der 20er-Jahre in Österreich populär und, wie man aus heutiger Sicht sagen würden, ein Star. In einer Zeit, in der die Frauen-Leichtathletik auch in Österreich immer noch um Anerkennung kämpfte, war die beliebte Wienerin dank ihrer Leistungen in den Zeitungen sehr präsent. So auch im Juni 1926 schon bei einem Weltrekordversuch im Kugelstoßen, quasi einem Vorspiel für ihren offiziellen Weltrekord knapp zwei Monate später in Brünn.

Weltrekord mit einem Schönheitsfehler
Im Rahmen der Juniorenmeisterschaften hatten Lisl Perkaus und Hilda Köppl diesen Wettkampf für den 20. Juni angemeldet. Praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit fand dieser Weltrekordversuch mit der 5-kg-Kugel statt. Dabei stieß Lisl Perkaus im ersten Versuch 9,35 m und Hilda Köppl im letzten Durchgang 9,57 m stieß. Damit war die Leistung von Hilda Köppl besser als der damalige (offizielle) Weltrekord der Polin Halina Konopacka (8,59 m). Die Zeitungen jubelten über einen historischen Weltrekord.

„Der 20. Juni dieses Jahres wird für immerwährende Zeiten in das goldene Buch der österreichischen Leichtathletik eingetragen sein. Ein Österreicher oder besser gesagt eine Österreicherin hat an diesem Tage eine Leistung erzielt, wie sie besser noch niemals erzielt wurde. Nicht allzu viele Zuschauer wohnten diesem denkwürdigen Ereignis bei“, berichtete tags darauf das „Wiener Montagblatt“.

Nur das „Sport-Blatt“ schimpfte vollkommen zu Recht, dass die Leistung nicht als Weltrekord anerkannt werden könnte, weil Österreich zu diesem Zeitpunkt noch nicht Mitglied in der federführenden Fédération Sportive Féminine Internationale (FSFI) war. Immerhin erkannte man jetzt in Österreich die Zeichen der Zeit, beantragte die Aufnahme in die FSFI und wurde aufgenommen - rechtzeitig vor dem 8. August 1926. An jenem Tag, als Lisl Perkaus, die 5-kg-Kugel auf die Weltrekordweite von 9,80 m hievte.

„Die beste weibliche Athletin“
Nach der Aufnahme in die FSFI hatte man laut „Sport-Blatt“ „etwas Hals über Kopf“ den erstmaligen Städtekampf Brünn gegen Wien für den 8. August abgeschlossen. Über dieses Ereignis sind wir bestens informiert. Im Mittelunkt aller Berichte stand Lisl Perkaus, „die beste weibliche Athletin, die Wien hervorgebracht hat, die im Kugelstoßen mit der Fünf-Kilo-Kugel den Weltrekord mit einer Leistung von 9,80 Meter brechen konnte“ („Sport-Blatt“). In den meisten Berichten heißt es auch, dass Perkaus über 250 m einen zweiten Weltrekord mit der Zeit von 35,4 Sekunden aufstellte. Was nicht korrekt war, weil Vera Palmer (Gb) ein Jahr zuvor in London schon 33,8 gelaufen war. Mit dem 1-kg-Diskus erzielte Lisl Perkaus mit 32,53 zudem einen neuen ÖLV-Rekord. Aber die Sensation war ihr Weltrekord mit der 5-kg-Kugel…

„Die berühmte Floridsdorferin“
Über diese Bestleistung der „berühmten Floridsdorferin“ sind wir durch einen Bericht eines Reiseteilnehmers im „Sport-Blatt“ vom 11. August 1926 großartig informiert. „Die Wettkämpfe fanden im Sokolstadion statt, einer neuen Anlage in der Nähe der Messe, ganz im Zentrum der Stadt. Das Wetter war recht gut, die Abwicklung sehr langsam, da man dem uns als Städtekampf Wien gegen Brunn angekündigten Wettkampf noch die Damen aus Westböhmen, ganz inferiore Gegnerinnen, zugezogen hatte, die außer Konkurrenz bei jedem Wettbewerb mitgingen.“ Die letzten Konkurrenzen wurden „schon in völlster Dunkelheit“ abgewickelt.

„Der Stempel eines Phänomens“
Der Kern des Berichtes war: „Die Hauptstütze unsrer Mannschaft war die Floridsdorferin Perkaus. Was sie geleistet hat, drückt ihr fast den Stempel eines Phänomens auf. Sie imponierte dem sehr objektiven Publikum ganz gewaltig. Was unsrer Perkaus zu ihren großartigen und vielseitigen Leistungen verhilft, sind in erster Linie ihre große Kraft, ihre Zähigkeit und Ausdauer und ihr Kampfgeist.“

Vor dem Städtekampf lag der offizielle Weltrekord im Kugelstoßen der Frauen bei 8,76 m, erzielt von der Tschechin Ludmila Vencová am 6. Juli 1926 in Prag. „So erregte es großes Aufsehen, als unsere Damen Perkaus und Köppl mit dem ersten Stoß vom Stand die Marke überboten“, hieß es. Beide sind die ersten Athletinnen, die die 5-kg-Kugel über 9,00 stießen, Lisl Perkaus als Siegerin mit 9,80 m und Hilda Köppl als Zweite mit 9,01 m.

In Wien wurde Lisl Perkaus groß gefeiert – als „interessanteste Persönlichkeit“ und „tüchtige Wienerin“ („Wiener Sonn- und Montags-Zeitung“) oder „Star von Floridsdorf“ („Die Stunde“). In vielen Zeitungen wurde sie auch als „Weltmeisterin“ bezeichnet. „Der Tag“ anerkannte: „Die Floridsdorferin hat sich damit in die erste Reihe der weiblichen Sportgrößen vorgeschoben!“

Olympia-Sechste 1928
Das Blatt schob aber eine kleine Portion Skepsis hinterher: „Hoffentlich bleibt sie weiterhin mit Ernst bei der Sache, in welchem Falle man sicherlich noch viel von ihr hören wird.“ Die Sorge blieb unbegründet. Lisl Perkaus blieb bei der Sache. Der Weltrekord spornte sie weiter an. 1928 wurde sie bei den Olympischen Spielen in Amsterdam mit 33,54 m Sechste im Diskuswurf und gewann bei den Frauen-Weltspielen in Prag im Kugelstoßen mit 11,48 m die Bronze-Medaille.

Die Urenkel von Lisl Perkaus…
Nachkommen von Lisl Perkaus, die 1938 Dr. Erwin Richter heiratete, spielten später im österreichischen Sport ebenfalls eine große Rolle. Ihr Sohn Erwin Richter wurde ein bekannter Schwimmtrainer und ihre Enkel waren Olympiateilnehmer im Wasserspringen: Jürgen Richter in Barcelona 1992 und Anja Richter viermal von 1996 bis 2008, dabei wurde Anja mit Marion Reiff Olympiavierte im Synchron in Sydney 2000 und holte bei der EM in Budapest 2006 Einzel-Silber. Zudem wurde Anjas Mutter Irene Staatsmeisterin im Delfin-Schwimmen. Und auch die Kinder von Anja Richter, inzwischen leitende Redakteurin des Gerichts-Ressorts bei der „Kronen Zeitung“, betreiben fleißig Sport. Helene Richter startet nächste Woche bei der Jugend-EM im Kunstturnen, Julius spielt erfolgreich Basketball und Alexandra ist bei der DSG junge Leichtathletin. Geboren wurde sie am 8. August 2018, also genau 92 Jahre nachdem ihre Urgroßmutter den Weltrekord für die Ewigkeit aufgestellt hatte…

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